Vorbemerkungen

Nicht nur heute ziehen schrille Looks und schräge Stylings alle Blicke auf sich. Schon in der Antike bemühten sich Männer und Frauen, sich durch ihre Lockenpracht zur Schau zu stellen. Sie waren nicht nur Ausdruck der Persönlichkeit, sondern spiegelten auch den sozialen Status ihrer TrägerInnen wider, da aufwendige Frisuren nur für die Oberschicht leistbar waren, die sich spezialisierter SklavInnen, Haardüfte, Färbemittel und Perücken bedienen konnten. Haare galten als Sitz der Lebenskraft, und es wurden ihnen magische Eigenschaften nachgesagt. Aus diesem Grund wurde der Haarpflege eine besondere Bedeutung beigemessen. In der folgenden Führung gewähren wir Einblicke in die vielfältige Welt der antiken Frisurgestaltung.

Kaiserzeitliche Frisuren – Hinter den Kulissen

Haarnadeln Sortiment

„[I]ch hasse das Weib, das den Mägden kratzt ins Gesicht und den Arm ihnen mit Nadeln zersticht.“ (Ov. ars. 3, 239-340)
Derartige Eskalationen beim morgendlichen Frisieren werden reichen Römerinnen nicht nur bei Ovid nachgesagt, auch bei anderen römischen Schriftstellern, wie Martial (Mart. 2, 66), Juvenal (Iuv. 6, 486-507) und Plautus (Truc. 405), finden sich Hinweise auf brutale Strafaktionen in Folge von nicht ordnungsgemäß gestalteten Frisuren. Seit der frühen Kaiserzeit entwickelte sich in Rom eine eigenständige Frisurentradition in der Oberschicht, deren aufwendige Gestaltung mit sorgfältig gelegten Strähnen und Locken, Haarnestern und Zöpfen neue Impulse setzte. In nur kurzen Zeitabständen folgte eine charakteristische Frisur der anderen, die als spezifisches Markenzeichen bestimmter Kaiserinnen galt und heute Anhaltspunkte für die archäologische Datierung weiblicher Porträtköpfe liefert. Für den nötigen Halt der komplexen Frisuren sorgten Nadeln aus Bein, Bronze, Elfenbein, Gold, Silber, Gagat oder Holz. Viele Exemplare wurden mit Aufsätzen in Form von Kugeln, Pinienzapfen, Händen, Venusdarstellungen, Frauenköpfen, Tieren und sogar ungewöhnlichen Formen wie Äxten oder Füßen gearbeitet, andere mit Perlen, Edelsteinen oder Anhängern verziert. Sie wurden in römischer Zeit neben Ketten, Armreifen und Ohrringen als Schmuckgegenstände getragen. Man benötigte Haarnadeln aber auch, um Schleier, Perücken und Haarteile im Haar zu befestigen, womit die weiblichen Frisurenwunder der römischen Kaiserzeit überhaupt erst möglich wurden.
Die archäologischen Sammlungen der Karl-Franzens-Universität Graz besitzen einige aufwendig gestaltete Haarnadeln mit Pinienzapfen-, Zwiebel-, rundem bis ovalem Kopf, Polyeder- und Stempelkopf sowie einfache, unverzierte pfriemenförmige Nadeln, die nicht sichtbar in die Frisur eingearbeitet wurden. Vielleicht sind auch einige Nadeln mit Öhr als Haarnadeln zu betrachten, die eventuell genutzt wurden, um Bänder in das Haar einzuarbeiten.

Frisuren im Kult

Terrakottakopf

Das Terrakotta-Kopffragment aus dem 5. Jh. v. Chr. zeigt eine sehr voluminöse Frisur, wie sie im kultischen, aber auch im öffentlichen Leben zu sehen war. Haare spielen im alltäglichen Leben eine wichtige Rolle, dies zeigt sich unter anderem in der Unterschiedlichkeit der einzelnen Frisuren. Auch im Kult sind sie von Bedeutung. So schnitten Priester bei der Einweihung ihr Haar und weihten dieses der betreffenden Gottheit als ein Zeichen der Selbstaufgabe. In einigen Kulten fanden sich ebenfalls bestimmte, ihnen eigene Frisuren beziehungsweise Rituale, in denen das Haar eine besondere Rolle spielte.

Lockenpracht und Gel-Frisuren im antiken Griechenland

Kore Gesamtansicht

An der Kore mit den Mandelaugen, die auch ein schönes Beispiel für die farbige Fassung der Marmorobjekte im antiken Griechenland ist, fällt vor allem die prachtvoll gearbeitete Frisur mit den welligen, das Gesicht rahmenden Haaren und den über die Brust gelegten Strähnen auf. Die aufwendige Haartracht der Koren spiegelt wohl die Haarmode der Frauen ab der Mitte bis Ende des 6. Jhs. v. Chr. wider. Das Stirnhaar wurde sehr gekürzt, das längere Kopfhaar in den Nacken gekämmt und in welligen Strähnen über den Rücken geführt. Die üppige Haarmasse war ohne Haarersatzteile nicht denkbar, ab dem späten 6. Jh. v. Chr. wurden phenake (Perücke) und in die Frisuren eingebaute Haarteile üblich. Sie wurden aus dem Orient eingeführt, weniger um das eigene Haar zu ersetzen, sondern zum Schmuck und als eine Art Statussymbol. Die komplizierten Frauenfrisuren zeichneten sich außerdem durch kunstvoll gelegte Zickzackwellen und Spirallocken aus. In Rom gab es dazu wahrscheinlich in jedem besseren Haushalt eine Art Brennschere – das calamistrum. Wie dieses genau aussah, ist uns noch unbekannt, doch gibt uns die mögliche Rekonstruktionszeichnung eine recht gute Vorstellung davon. In antiken Quellen wie bei Varro, Ovid und Cicero ist von Brenneisen die Rede. Es wird als eine Art metallene Röhre beschrieben, die in der Glut erhitzt wurde und um die dann die Haare gewickelt wurden. Der Begriff calamis könnte griechischen Ursprungs sein. Man kann also annehmen, dass ein solches oder ähnliches Gerät schon für Frisuren wie die der Kore verwendet wurde.
Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass in Griechenland bereits eine Art Haargel in Mode war. Ab dem 8. Jh. v. Chr. wurden kostbare Öle und Salben, sowie verschiedene Duftstoffe aus dem Orient zur Pflege der Haare verwendet. Um aufzufallen wurde das Haar oft mit so viel dieser Substanzen versehen, dass es triefte. Beliebt waren Rosenöl oder Amarakinos, eine Mischung aus Öl, Myrrhe und Majoran. Doch Ärzte warnten davor, dass übermäßiger Gebrauch auch schädlich sein konnte.

Diademe, Bänder, Binden, Spiralen und Netze – Haarschmuck im antiken Griechenland und Rom

Pyxis Detailansicht

In der griechischen und römischen Antike fand unterschiedlich gestalteter Haarschmuck Verwendung. Schon im 14. Jh. v. Chr. lässt sich in der mykenischen Kultur das Tragen von Stirnreifen und Schmuckbändern belegen. Bei griechischen Frauen setze sich der Trend durch, das Haar nicht mehr offen zu tragen, weshalb verschiedene Formen von Kopfbinden, Haarnetzen, Wollfäden, Haarspiralen und Diademen Eingang in die Haargestaltung fanden. Auf der vorliegenden Pyxis kann man die Krobylostracht gut erkennen, die für die 1. Hälfte des 6. bis in die 1. Hälfte des 5. Jh. v. Chr. für griechische Frauenfrisuren typisch ist. Das runde Gefäß mit Deckel, das im antiken Griechenland zur Aufbewahrung von Kosmetika und Schmuck verwendet wurde, ist im rotfigurigen Stil gearbeitet und zeigt eine junge Frau, deren dichtes, krauses Nackenhaar ohne Knoten zusammengefasst und in eine breite Kopfbinde gesteckt ist. Die gelockten Haarenden ragen dabei lose aus der Binde, einzelne Löckchen fallen auf ihren Nacken und ihre Stirn. Die Binde war ursprünglich wohl mit Kreisen und Dreiecken verziert und hatte neben einem praktischen Nutzen auch eine dekorative Funktion. Ein Beispiel für diese schlichte, im Alltag verwendete Frisur liefert die Grabstele eines Mädchens, die in das 5. Jh. v. Chr. datiert wird. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass das ursprünglich farbig gehaltene Band im Haar einen schmuckvollen Effekt hatte – und auch heute ist dieser Effekt noch immer der gleiche geblieben.
In Rom trug man abgesehen von den Kopfbinden ähnlichen Haarschmuck wie in Griechenland. Im Kult und bei Feierlichkeiten, wie der römischen Hochzeit, spielte er eine wesentliche Rolle. In der Nacht vor der Vermählung trugen römische Mädchen beispielsweise ein besonderes Haarnetz, das reticulum, das eigens für die Hochzeit in der Farbe des Brautschleiers gewebt wurde. Am Tag der Hochzeit erhielt die Braut eine spezielle Frisur, seni crines genannt, bei der die Haare mit einem rituellen Speer, der hasta caelibaris, in sechs Teile gegliedert und vermutlich mit weißen Wollbinden, den vittae, zu einem Dutt hochgesteckt wurden. Wie diese Frisur genau ausgesehen hat, muss wie der Ursprung dieses ungewöhnlichen Brauchs im Dunkeln bleiben. Über der Hochzeitsfrisur trugen römisch Bräute einen Schleier sowie einen Kranz aus aromatischen Sträuchern und Blumen. Am Haus des Bräutigams wurden außerdem sog. infulae, rote oder weiße Haarbänder aus ungesponnener, verknoteter Wolle, am Türpfosten angebracht, die vermutlich für rituelle Reinheit während der Zeremonie sorgen sollten.

Die Frisuren der Antike

Kritios-Knabe- Gesamtansicht

Die früheste uns bekannte Frisur ist, abgesehen von minoischen und mykenischen Vorläufern, die Etagenperücke, deren Gestaltung nach 750 v. Chr. einsetzte. Der Name dieser Frisur stammt von der Drapierung der Haare. Ihr Ursprung kann in Kreta festgemacht werden, von wo sie sich über ganz Griechenland ausbreitete und schließlich bis zum Übergang ins 6. Jh. v. Chr. für Männer und Frauen vorherrschte. Um 600 v. Chr. kam die Perlfrisur in Mode. Das Charakteristische an dieser Frisur sind die gleichförmigen deutlich erkennbaren Teile im Haar, die perlenartig in Strähnen eingearbeitet und oft von Bändern zusammengehalten werden. Abgerundet werden diese Haarsträhnen durch Haarkegel, die mittels eines Ringes am Haar befestigt sind. Es gibt aber auch Fälle, bei denen einzelne Strähnen aus der gesamten Haarfülle gelöst sind und auf die Schulter oder auf die Brustpartie fallen. Diese Frisur ist sowohl bei Männern wie auch bei Frauen zu finden. Die traditionelle Langhaarfrisur findet ihr Ende um etwa 540 v. Chr., als das Kurzhaar für Männer modern wurde, die sog. Athletenfrisur. Für gewöhnlich endet das Haar nun im Nacken, wobei das Haupthaar in Spirallocken gedreht ist. Diese Haartracht entstand während der Zeit der Perserbedrohung, bei der sich das kurze Haar für die Bürger durchsetzte und das lange Haar dem Adel vorbehalten blieb.
Um 480 v. Chr. sieht man beim sog. Kritios-Knaben eine ganz außergewöhnliche Haardrapierung, die man allgemein als Kritios-Knaben-Rolle bezeichnet. Ihre Ursprünge sind in der Spätarchaik zu finden. Um den Kopf des Knaben ist ein breites, gerundetes Haarband gelegt, um das konzentrische Strähnen „gewickelt“ wurden. So erzielte man eine Haarrolle, die den gesamten Kopf über dem Nacken umgibt. Zwischen den Haarsträhnen ist jeweils eine Lücke frei, die den Reif sichtbar werden lässt. Kurze, flache Strähnen vor den Ohren und leicht gewellte sind im Nacken zu erkennen.
Während die Kurzhaarfrisur bei den Männern zur Gewohnheit wurde, veränderten die Frauen ihren Look stetig. Dies beruht auf den gesellschaftlichen Vorschriften, die besagen, dass eine verheiratete Frau nur verschleiert in die Öffentlichkeit gehen, ansonsten aber ihr Äußeres frei bestimmen und gestalten darf.

Die Weis(s)heit des Alters

Herme des Alkamenes

Die Herme des Alkamenes aus dem Ende des 5. Jhs. v. Chr. ist ein typisches Kultobjekt aus dem griechischen Raum. Ursprünglich zeigten Hermen, wie der Name schon vermuten lässt, immer den Gott Hermes und dienten zum Schutz vor Dieben und des privaten Raums und standen gern an Wegkreuzungen, um den Gott für die weitere Reise gnädig zu stimmen. Denn Hermes galt als Gott der Diebe, aber auch der Reisenden. Später erhielten Hermen Porträts berühmter Persönlichkeiten und wurden in der Öffentlichkeit aufgestellt.
Dieser Kopf stellt noch den Kopf des Gottes Hermes dar, aber in einer etwas ungewöhnlichen Form, scheint er doch im Vergleich zu anderen Statuen des Gottes schon ein gediegenes Alter erreicht zu haben. Seine umfangreiche Frisur ist typisch für die archaische Zeit und besonders für die Hermen, da diese immer nach einem traditionellen Schema dargestellt wurden. Was aber machten die normalen Bürger, um auch im Alter eine solche Fülle an Haaren zu erhalten, um eine ähnliche Frisur zu bewerkstelligen?
In Ägypten wurde das Erhalten von Farbe und Fülle des Haares als besonders wichtig erachtet. Daher forderte man von den Ärzten Mittel, die die Erscheinungen des Alters wie Ergrauen oder Haarausfall verhindern sollten. Man schwor hierbei auf das Kochen von Blut eines schwarzen Kalbes, eines Rindes und einer Schlange, das mit Öl vermischt auf den Kopf aufgetragen wird, um das Weiß der Haare zu vermeiden. Kahlköpfigkeit versuchte man dadurch zu verhindern, dass man das Bein einer Windhündin, Kerne von Datteln und den Huf eines Esels in einem Topf mit Öl kochte, um dann die kahlen Stellen mit dieser Mischung zu bestreichen.
In Griechenland war man sehr darauf bedacht, seine Haarfarbe zu erhalten. Hierbei verwendete man verschiedene Öle mit pflanzlichen Extrakten als Zusätze sowie Duftstoffe. Allerdings wurde das Färben der Haare auch als Verweichlichung gesehen und verspottet. So wird einem alten Mann mit gefärbtem Haar in Sparta vorgeworfen, er werde nichts Kluges sagen können, wenn er schon am Kopf Lügen trage.
Aus Rom ist überliefert, dass Kahlheit die Männer dazu zwang, Perücken zu tragen. Eine besonders reichhaltige Quelle für skurrile Rezepte, die solche Alterserscheinungen überdecken sollten, ist Plinius der Ältere mit seiner Naturkunde. So soll Bärenfett, mit Russ vermischt, gegen Kahlköpfigkeit helfen (Plin. nat. 28, 163). Asche vom Geschlechtsteil eines männlichen Esels soll sowohl die Dichtheit des Haares erhalten als auch dessen Ergrauen verhindern, wenn man diese Asche, versetzt mit Blei und Öl, auf betroffene Stellen streicht (Plin. nat. 28, 164). Weiters glaubte Plinius an die Wirksamkeit von warmer Stiergalle (Plin. nat. 28, 164), von Katzenkot, vermischt mit gleich viel Senf (Plin. nat. 28, 165) und verbrannten Katzenklauen mit Pech angerührt (Plin. nat. 28, 166), um den Verlust der Haarpracht zu verhindern. Gegen das Ergrauen soll zudem Asche von Regenwürmern mit Öl vermengt, Wunder wirken (Plin. nat. 30, 134)!

Von der Schönen zum Biest – Wie Medusa zu ihren Haaren kam

Medusa Kopf

Schönheit liegt sehr oft im Verborgenen – und manchmal wird sie auch ins Hässliche verkehrt, weil sie zu viel Begehren wecken kann. Im Altertum war das Haar Sitz der Schönheit der Frau. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen (Ov.  met. 4, 6) von dem jungen Mädchen Medusa, das im Tempel der Athena diente. Angezogen von ihrer schönen Gestalt und ihrem langen Haar verging sich Poseidon an ihr – im Tempel der Athena. Die Göttin konnte diesen Frevel nicht ungesühnt lassen. Medusa, die durch ihre Schönheit und langes wallendes Haar Poseidon gereizt hatte, wurde daraufhin von der Göttin mit Schlangenhaaren gestraft. Die Schönheit des Mädchens verwandelte sich in pures Grauen: Jeder, der sie, ihre Schlangenhaare und die furchtbaren Augen, erblickte, erstarrte sofort zu Stein. Damit hielt Athena die Gefahr für gebannt, dass ein weiterer Mann dem Zauber einer langen, wallenden Mähne erliegen konnte.
Als Monster sorgte Medusa für Furcht und Schrecken. Perseus wurde damit beauftragt das Haupt der Medusa zu holen. Gemeinsam mit seiner Schutzgöttin Athena begab er sich, ausgestattet mit den Flügelschuhen des Hermes und der Tarnkappe des Hades, auf die ferne Insel Sarpedonia, jenseits des Okeanos, am Rande der Nacht, wo auch die Hesperiden lebten. Dort hauste die Gorgo Medusa in einer Höhle. Auf dem Weg dorthin fand Perseus immer wieder versteinerte Gestalten vor, die dem Anblick der Medusa zum Opfer gefallen waren. In der Höhle lag nun das schlafende Ungeheuer, das früher so schön gewesen war. Athena mahnte den Helden zur Vorsicht, denn ein Blick würde reichen, um auch Perseus in Stein zu verwandeln. So nutzte er seinen Schild als Spiegel, in dem er die schlafende Medusa sah. Mit einem Hieb seines Schwertes trennte er den Kopf der Medusa von deren Rumpf. Er übergab das Haupt Athena, die es seit diesem Tage in der sog. Ägis, ein schuppenverzierter Umhang mit dem Medusenhaupt, trägt. Die Szene der Übergabe ist auch auf der Metope des Tempel C in Selinunt erkennbar.

Die erotische Kraft des Haares

Athena Lemnia

Athena Lemnia, u.a. mit ihrer Ägis bekleidet, trägt ihr gewelltes Haar in der Mitte gescheitelt und mit einem Haarband geschmückt. Die kriegerische Göttin bietet mit ihrem eher praktischen, kurzen Haar eigentlich ein Gegenbeispiel zu der üblich Langhaarfrisur der Frauen im antiken Griechenland und später auch im Römischen Reich.
Bei Ovid (Ov. ars 3, 135f.) wird in der Ars amatoria das Haar der Frau als ihr schönster, natürlicher Schmuck gelobt. Er widmet den Frisuren sogar ein ganzes Kapitel, in dem er auf die richtige Wahl der Haartracht für einen individuellen Typ hinweist. Zur enorm erotisierende Wirkung von langem, dichtem Frauenhaar bringt Ovid (Ov. ars 3, 133) vor: „Von raffinierten Frisuren werden wir (die Männer) betört; kein Haar sei kunstlos gelegt“.
Das Verführungspotential der weiblichen Haare ist auch Thema in den Metamorphosen. Die Göttin Athena bestraft in der bereits erzählten Geschichte aus Eifersucht Medusa und nimmt ihr das Schönste an ihr – ihre wunderschönen Haare (Ov. met. 7, 796f.).
Lose herabfallende Kleidung und ungebundenes, wirres Haar wurden in der antiken Dichtung zum Kennzeichen von Zauberinnen und Prophetinnen, aber auch Bacchantinnen und Mänaden, denen das wirre, ungezügelte Haar schon fast als Attribut angerechnet wurde. Es wurde als Zeichen höchster Ergriffenheit und Ekstase verstanden und häufig mit der Frisur einer Frau gleichgestellt, die ihr Haar aus Zorn, Trauer oder sexueller Erregtheit zerzaust hat. Hier gleichfalls in einem Abschnitt der Ars amatoria veranschaulicht: Procris gerät aus Eifersucht auf die vermeintliche Geliebte ihres Mannes außer sich – „Und unverzüglich enteilt sie rasend mit offenem Haar querfeldein wie eine Bacchantin, die den Thyrsus schwärmen lässt.“ (Ov. ars 3, 709f.). Kassandra, die Seherin, wurde ebenfalls meist mit wehendem Haar, eventuell mit einer Priesterbinde, dargestellt und Ovid versieht sie ebenfalls mit einem gewissen erotischen Moment:
„Der Inbegriff des Feldherrn, der Atride, soll beim Anblick der Priamus-Tochter Cassandra von ihrem wallenden Mänadenhaar bezaubert gewesen sein.“ (Ov. am 1, 9, 37f.).
„Und die wehende Mähne kleidete meine Geliebte nicht schlecht. So war sie schön; […] So war auch Cassandra anzusehen, als sie sich vor deinem Heiligtum niederwarf, keusche Minerva.“ (Ov. am 1, 7, 12f. 17f.).

Götter und Helden waren blond?

Hermes Gesamtansicht

Hermes, dessen Wiederholung nach klassischem Vorbild hier in die Mitte des 2. Jh. n. Chr. datiert wird, trägt in manchen Abbildungen auf seinem Kopf Flügel oder auch einen Flügelhelm. Diese Attribute und die Flügelschuhe verleihen ihm Geschwindigkeit und sind Zeichen für seine Arbeit als Götterbote, Kurier und Vermittler zwischen Olymp und der Unterwelt.
Dem Hades und dem Olymp wurden bereits in der Antike Farben zugeschrieben, schwarz wurde mit Negativem, also auch mit Tod und Unterwelt in Verbindung gesetzt, während Weiß und Helles mit dem Olymp und Positivem in Zusammenhang gebracht wurde. Viele Götter und Heroen werden aus diesem Grund auch als blond beschrieben, wie etwa Apollon (Ov. am. 1, 15, 35) oder Aurora (Ov. am. 1, 13, 2). Blond zu sein, hieß ein Glückskind zu sein oder zu den Lieblingen der Götter (Plat. rep. 5, 474e) zu zählen.
Eine helle Haarfarbe zu besitzen, war für die Menschen erstrebenswert, in der späten Republik und der frühen Kaiserzeit zählten blondes Haar und ein heller Teint sogar zum Schönheitsideal. Da aber nur sehr wenige Römerinnen wirklich blondes Haar hatten, gab es „Hilfsmittel“, um solches zu erhalten. Einerseits sind hier Echthaarperücken zu erwähnen, die Haare stammten dabei von den naturblonden Germaninnen. Eine weitere, etwas kostspieligere Möglichkeit, sich das Haar aufzuhellen bestand darin, es mit Goldstaub zu bestreuen. Da diese Variante für die Frauen aus der ärmeren Bevölkerung nicht in Frage kam, färbten sie sich das Haar mit dem sog. „chattischen Schaum“, wie ein Epigramm Martials aus dem 1. Jh. n. Chr. bezeugt (Mart. ep.14, 26) oder „sie pflegen nämlich die Haare mit Kalkwasser einzureiben.“ (Diod. 5, 28).

Im Friseursalon

Artemis Colonna

Bei dieser römischen Kopie einer Statue aus dem 4. Jh. v. Chr. ist Artemis als die Göttin der Jagd dargestellt, die ursprünglich in ihren Händen Bogen und Pfeil hielt. Sie hat ihre Haare eher locker zusammen gebunden und durch Binden geschmückt. Für diese Haarpracht benötigte sie wohl kaum einen Friseur (als Göttin war sie immer schön). Für die sterblichen Frauen, aber auch für die Männer, bildete die Frisur aber einen wichtigen Bereich im Alltag.
Zu den Aufgaben der Barbiere und Friseure gehörte seit jeher das Rasieren und Schneiden der Körper-, Kopf-, und Barthaare sowie das Waschen des Gesichts nach der Rasur und das Schneiden von Finger- und Zehennägel.
Im antiken griechischen Raum ist es fraglich, ob es den Barbier- und Friseurzweig als eigenständigen Gewerbebereich überhaupt gab. Es existiert aber eine Terrakottafigur aus der Zeit um 500 v. Chr., die einen Friseur zeigt, der einem vor ihm sitzenden Kunden die Haare schneidet. Besonders typisch für Griechenland ist, dass der Barbier immer als sehr geschwätzig und neugierig beschrieben wird. Er scheint jeden neuen Klatsch und Tratsch als Erster zu wissen. Auch kümmert er sich um das Schneiden der Haare, um Maniküre und Pediküre sowie um die Anfertigung von Haarteilen und Perücken. Besonders wichtig war den Griechen hier allerdings das Ordnen und Schmücken der Haare (kosmein), von dem sich das moderne Wort Kosmetik ableitet.
Über die Gewohnheiten der vornehmen Gesellschaft in Rom wissen wir heute, dass die Hausherrinnen meist eine oder mehrere spezielle Sklavinnen, sog. ornatices, besaßen, die nur damit beschäftigt waren, sie richtig zu frisieren. Die Männer suchten allerdings öffentliche Barbierstuben auf. Für die Frauen war es unmöglich ungeschminkt und unfrisiert das Haus zu verlassen, es wird ihnen auch von Schriftstellern geraten, sich nicht sehen zu lassen, bevor sie nicht perfekt zurechtgemacht seien, was manchmal Stunden beanspruchen konnte. Nicht immer ging die Hausherrin dabei zimperlich mit ihren Sklavinnen um, wie schon vorher erwähnt (Ov. ars. 3, 239–340).

Haarige Probleme

Apollon-Gesamtansicht

Tibull berichtet in einem seiner Carmina vom Liebesleben des Gottes Apollon, in dem es heißt, dass dieser für ein Jahr als Hirte beim sterblichen König Admetos arbeiten musste. Der Grund für diese Strafe soll eine homoerotische Liebesbeziehung zwischen Apollon und Admetos oder aber nach anderen Berichten eine Strafe des Zeus für die Tötung der Kyklopen gewesen sein. Aufgrund dieser Liebe verliert der Gott seine für ihn typischen Fähigkeiten wie das Kitharaspiel, sein Wissen über Heilkräuter und selbst die Pracht seines Haares: „Auch der schöne Apoll hat Admet die Stiere gehütet, und es nützen dabei Zither und Locken ihm nichts, noch vermocht‘ er den Kummer mit heilenden Kräutern zu tilgen“ (Tib. 2, 3, 11-13). Apollon widmet sich nun auf der Erde seinen Tätigkeiten sowie seiner alternativen Lebensform mit Admetos (Tib. 2, 3, 17-22). Dieses schädigende Verhalten des Gottes an den Menschen spiegelt sich in seinem Aussehen wider, indem sein Haar ungepflegt, beinahe bäuerlich beschrieben wird. Zuvor war es edel und gepflegt und stets von jedermann bewundert, selbst von seiner Stiefmutter Iuno (Tib. 2, 3, 23-26): „Oft tat es Latona weh, dass die heiligen Locken struppig waren, die selbst die Stiefmutter früher bewunderte. Wer auch immer das ungepflegte Haar, die gelösten Locken gesehen hätte, der hätte Phoebus Frisur vermisst.“
Die Statue des Apollon von Belvedere weist keinerlei Spuren derartiger Haarprobleme auf, ganz im Gegenteil, sein Haar erscheint wohl geformt sowie gepflegt. Es zeichnet sich durch nach links gescheitelte Locken aus, die seitlich nach hinten geführt sind und in einem schleifenähnlichen Haarknoten enden. Auch die feinen Haarsträhnen an Ober- sowie Hinterkopf, die schließlich im Bereich des Nackens in spiralartigen Locken enden, sind besonders bemerkenswert.

Colour, cut and curls

Venus Gesamtansicht

Eine aufwendige Frisur mit Haarschleife zeigt auch die sog. Kapitolinische Venus, die mit der griechischen Liebesgöttin Aphrodite gleichzusetzen ist. Diese Marmorskulptur aus der römischen Kaiserzeit geht auf ein frei stehendes Vorbild aus der Zeit um 150/120 v. Chr. zurück und zeigt, wie Venus in ihr Bad steigen will und ihre Nacktheit zu verbergen versucht. Während sich dabei zwei Zöpfe gelöst haben, die in ihren Nacken fallen, ziert ihren Scheitel eine große Haarschleife, ein Frisurelement, das sich hauptsächlich in der römischen Kaiserzeit größter Beliebtheit erfreute. Vor allem die Frauen des Kaiserhauses bedienten sich künstlicher Haarteile, um ihre Frisuren aufzubauschen. Dabei nahmen sie oftmals sogar die Rolle von „Trendsetterinnen“ ein, da sich die „Hautevolee“ an der Frisur der aktuellen Herrscherin zu orientieren pflegte.
Die Bandbreite von Haarersatzteilen im antiken Rom reichte von eingeflochtenen fremden Strähnen bis hin zu ganzen Perücken, die so manche weibliche Glatze, die ein Resultat zu intensiven Haarfärbens sein konnte, verdeckte. Darüber berichtet sogar der Dichter Ovid (Ov. am. 1, 14)  aus der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. in seinen Amores. Darin empfiehlt er seiner Freundin, mit dem Haarefärben aufzuhören, da sie bereits keine mehr besitze. Das Mädchen hatte ihre Haare zu sehr mit irgendwelchen Tinkturen strapaziert und muss daher ihre Glatze unter einer Perücke verstecken. Dafür empfiehlt Ovid in diesem Gedicht die Haare einer germanischen Gefangenen, da schon die Römerinnen der Antike, wie oben bereits erwähnt wurde, von der Farbe Blond begeistert waren. Blondes Frauenhaar war aber nicht nur wegen der Produktion von Perücken ein germanischer Exportschlager, sondern es galt auch als ideale Bespannung von Katapulten, da es elastischer als die üblichen Tiersehnen oder Pferdehaare war.
Allerdings konnte sich nicht jede Römerin eine germanische Sklavin zulegen und so wurde mit Safran, dem ebenfalls bereits erwähnten "chattischen Schaum" und anderen Tinkturen getrickst um die gewünschte Aufhellung zu erzielen. Auch andere Farbtöne, wie ein tiefes Schwarz, gehörten zum Stylingrepertoire antiker Friseure. Um dieses zu erhalten wurden verweste Blutegel, die sechzig Tage lang in einem verschlossenen Gefäß mit Wein und Essig eingelegt waren, verwendet. Da dieses Mittel eventuell eine Geruchsbelästigung mit sich bringen konnte, besprühte so manche Römerin ihre Haarpracht mit duftenden Parfums, wie orontischer Myrrhe, die bei Properz (Prop. 1, 2, 3) überliefert ist. Allerdings waren diese Parfums sehr teuer, da sie aus dem Orient importiert werden mussten. Daher griffen geruchsempfindliche Damen zu kleinen Nüssen, die das Haar rötlich färben sollten (Plin. nat. 15, 87).
Hennapulver, das aus Ägypten importiert wurde, war den Friseuren der Antike ebenfalls nicht unbekannt. Besonders schrille Damen färbten sich ihre Mähne sogar blau. Diese Gepflogenheiten erzielten allerdings nicht immer das gewünschte Resultat bei der Männerwelt, denn wenn den lateinischen Elegikern, wie Properz (Prop. 1, 2. 2, 18) oder Ovid (Ov. am. 1, 14), Glauben geschenkt werden darf, schätzte so mancher Römer die natürliche Schönheit seiner Angebeteten mehr als ihre bunten, oftmals falschen Haare.

Von zierlichen Engelslocken und eleganten Sonnenhüten

Ganswürger

Eine weitere Skulptur, die in die Zeit um 150 v. Chr. datiert wird, ist der sog. Ganswürger, ein drei bis vier Jahre altes, nacktes Kind, welches den Hals und den rechten Flügel einer Gans mit seinem linken Arm umklammert. Der Knabe wirkt recht kräftig und hat einen runden Kopf mit seitlich gescheiteltem, aber noch sehr dünnem Haar, das in kindliche Locken ausläuft und über der Stirn zu einem Knoten, in Form einer Blume, zusammengebunden ist.
Im Hellenismus erfreuten sich Kinderdarstellungen außerordentlich großer Beliebtheit. Dabei wurden sowohl Mädchen als auch Jungen in verschiedenen Motiven als Tonfiguren oder Bronze- bzw. Marmorstatuen wiedergegeben. Ein beliebter Typus war jener des sitzenden Mädchens, bei dem sich die Köpfe oft durch die Frisuren unterschieden haben. Die Mädchen konnten in der Mitte geteiltes und über den Ohren sich üppig bauschendes Lockenhaar besitzen oder aber mit zu einem Zopf geflochtenen oder zu einer Schleife gesteckten Scheitelhaar geschmückt sein. Heranwachsende Mädchen trugen ihre Haare meist hochgesteckt, dabei wird das wellige Haar, das Stirn und Schläfen freilässt, in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden.
Die Köpfe von Knaben zierte oft ein dicker Kranz oder ab und zu auch ein eleganter Sonnenhut. Darunter kamen meist üppige Locken zum Vorschein, die in der Antike z.B. blond oder braunrot bemalt worden sein konnten. Im Hellenismus wurden Kinder oft auch als Eros, der kleine geflügelte Liebesgott, nachempfunden und ähnlich diesem dargestellt. Das trifft auch auf den Ganswürger zu, dessen Frisur Parallelen mit dem bogenspannenden Eros aufweist.

Schlussbemerkungen

Wie die eben vorgestellten Highlights aus den Archäologischen Sammlungen der Universität Graz zeigen, versucht sowohl Frau als auch Mann, alt als auch jung, seit jeher durch eine flotte Mähne, einen „stylischen“ Schnitt oder eine verspielte Lockenpracht zu beeindrucken. Haarersatzteile, Lockenstab und Tönung sind kein Produkt unserer heutigen Fashionsociety, sondern es galt bereits in der Antike das Motto: 
Rom, Regen – die Frisur hält!

(O.D. - Ri.M. -  S.R. - M.Sch. - A.Sch. - S. Sch. - U.T.)

Literatur

L. Cleland - G. Davies - L. Llewellyn-Jones, Greek and Roman Dress from A to Z (London 2007)
S. Dreschler-Erb, Römische Beinartefakte aus Augusta Raurica. Rohmaterial, Technologie, Typologie und Chronologie, FiA 27, 1 (Augst 1998)
M. Jedding-Gesterling - G. Brutscher (Hrsg.), Die Frisur. Eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart. Sonderausgabe zur Ausstellung „Die Frisur. Haarmode aus vier Jahrtausenden“. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Neumünster 1990)
M. Mannsperger, Frisurenkunst und Kunstfrisur. Die Haarmode der römischen Kaiserinnen von Livia bis Sabina (Bonn 1998)
K. Olson, Dress and the Roman Woman. Self-presentation and Society (Oxon 2008)
E. Riha, Der römische Schmuck aus Augst und Kaiseraugst, FiA 10 (Augst 1990)
E. Ruprechtsberger, Die römischen Bein- und Bronzenadeln aus den Museen Enns und Linz, Linzer archäologische Forschungen 9 (Linz 1979)

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